Rhizom strikes back
Wenn man diese von Gilles Deleuze und Felix Guattari aufgemachte Dichotomie
präzise nachvollzieht, fällt erstaunlicherweise auf, dass ihre Texte, etwa »Mille Plateaux«, gerade Kleist, und insbesondere die »Hermannsschlacht«
immer wieder als Anwalt für ihre Ideen anführen. Keinem sei es so sehr
gelungen wie Kleist, die »nomadische Kriegsmaschine« nicht zu beschreiben,
sondern in seinen Dramen und Dichtungen sinnlich erlebbar zu machen. Der
Ethos der Befreiungskriege gegen den fremd-politischen Eingriff, der einer
vermeintlich barbarischen Kultur die fremdbestimmte zivilisatorische Überlegenheit
beibringen will, ist ein hochbrisantes weltpolitisches Thema unserer
Zeit.
Auf die germanische Kriegstaktik übertragen, wehren sich die Off-Künstler
heute mit ähnlichen Strategien. Auch im dritten Jahrtausend nach Augustus
werden die schwerfälligen zentralistischen Apparate immer noch mit den
Ideen und Mitteln der Guerillakriegsführung, des dezentralen und versteckten
Feindes angegriffen. Hier prallen zwei philosophische Konzepte aufeinander:
Das der sich ständig bewegenden, der immer werdenden, sich verändernden,
dynamisch flexiblen Nomadologie oder »Rhizome« (nach Gilles Deleuze) steht
auf der Seite der Subkultur oder der Germanen. Der statische, autoritäre,
ordentliche, effi zient als Organisationsstaat aufgestellte Machtapparat steht
nach wie vor als Abstraktum auf der anderen Seite – die Invasionsmacht der
alliierten Gleichmacherei, die den nicht kontrollierbaren Pluralismus bekämpft. |